ADHS und Kaltakquise-Anrufe im Alltag
Manchmal ist es nur ein Klingeln.
Und manchmal ist es ein Einstieg in ein Gespräch, das du nie führen wolltest.
Ein Werbeanruf.
Ungefragt. Ungeplant. Unpassend.
Und während die andere Person gerade ihren Pitch startet, ist dein Gehirn schon einen Schritt weiter:
„Wie komme ich hier wieder raus?“
Rückblick: Warum Telefonieren bei ADHS ohnehin schon anstrengend ist
Im ersten Artikel (ADHS und Telefonieren – oder: Warum ein Klingelton dein Nervensystem beleidigt) ging es darum, warum Telefonieren für Menschen mit ADHS oft kein „Nebenbei-Ding“ ist, sondern ein mentaler Kraftakt.
Kurz gesagt:
- Zu viele Prozesse gleichzeitig (zuhören, denken, reagieren)
- Kein visuelles Feedback
- Hoher sozialer Druck, sofort zu funktionieren
- Und spontane Anrufe = abruptes Umschalten im Gehirn
Telefonieren ist also ohnehin schon anspruchsvoll.
Und genau da setzt Kaltakquise noch einen drauf.
Warum Werbeanrufe das Ganze eskalieren lassen
Ein Kaltakquise-Anruf bringt gleich mehrere Stressfaktoren zusammen:
- Überraschung: Kein mentaler Vorlauf
- Unklarheit: Was will diese Person eigentlich?
- Druck: Du sollst zuhören, reagieren, entscheiden
- soziale Erwartung: freundlich bleiben, nicht einfach auflegen
Das ist die perfekte Mischung für Überforderung.
Was nach außen wie „keine Lust“ aussieht, ist innen oft: „Zu viel Input. Ich brauche einen Exit.“
Was dabei im Kopf passiert
Während die andere Person spricht, laufen parallel:
- Gedanken wie: „Wie lange dauert das noch?“
- der Versuch, höflich zu bleiben
- und gleichzeitig der Wunsch, sofort aufzulegen
Das Problem:
Diese Prozesse blockieren sich gegenseitig.
Du willst raus – aber auch nicht unhöflich sein.
Du hörst zu – aber nimmst nichts auf.
Am Ende bleibt ein Gefühl von Stress und ein Gespräch, das niemand wirklich wollte.
Typische Reaktionen (ehrlich betrachtet)
- Du legst schnell auf und fühlst dich kurz schlecht
- Du bleibst zu lange drin und bist danach genervt
- Du sagst Dinge zu, die du gar nicht willst („Schicken Sie mal Infos…“)
- Du brauchst danach erstmal eine Pause
Alles nachvollziehbar. Nichts davon ist falsch.
Was dir konkret hilft (ohne dich zu verbiegen)
1. Klare Standardsätze vorbereiten
Wenn dein Kopf leer ist, brauchst du Routine.
Beispiel: „Kein Interesse, danke.“ → Gespräch beenden.
2. Höflichkeit neu definieren
Höflich sein heißt nicht, deine Grenzen zu ignorieren.
3. Gespräche aktiv beenden
Du darfst auflegen. Ohne schlechtes Gewissen.
4. Keine „Vielleicht später“-Fallen
Wenn du es nicht willst, sag es direkt. Alles andere verlängert den Stress.
Perspektivwechsel: Wenn du selbst im Business unterwegs bist
Falls du selbst Angebote hast – Coaching, Beratung, Training:
Ein spontaner Werbeanruf wirkt selten wie eine Chance.
Meist wirkt er wie eine Störung.
Gerade für Menschen mit ADHS bedeutet das:
- falscher Zeitpunkt
- zu viel Druck
- keine Aufnahmefähigkeit
Besser funktionieren:
- klare, asynchrone Kontaktwege (Mail, Nachricht)
- freiwillige Terminbuchung
- transparente Kommunikation
Oder anders gesagt:
Menschen reagieren besser auf Einladung als auf Überrumpelung.
Fazit
Kaltakquise-Anrufe sind nicht einfach nur „ein bisschen nervig“.
Für viele – besonders mit ADHS – sind sie ein direkter Eingriff in Konzentration, Energie und Selbstregulation.
Und deshalb gilt:
Du darfst dich abgrenzen.
Du darfst Gespräche beenden.
Und du musst nicht verfügbar sein, nur weil jemand anruft.
Beobachte dich beim nächsten unbekannten Anruf ganz bewusst:
* Was passiert in deinem ersten Moment?
* Gehst du ran oder gehst du raus?
* Und was würdest du eigentlich brauchen, damit es sich okay anfühlt?
Wenn du willst, schreib mir genau diese Situation.
Ich zeige dir eine konkrete Strategie, die zu dir passt – nicht zu irgendeiner Idealvorstellung von „so macht man das“.





