Es gibt Menschen, die hören ein Klingeln und denken: „Ach, ein Anruf.“
Und dann gibt es Menschen mit ADHS. Die denken: „Warum jetzt? Warum ich? Was will diese Nummer von mir?“
Telefonieren ist kein kleines Alltagsding. Es ist ein Multitasking-Event mit Zeitdruck, fehlenden Hinweisen und null Pause-Taste.
Warum Telefonieren bei ADHS so anstrengend ist
Beim Telefonieren passiert im Gehirn ungefähr Folgendes gleichzeitig:
- Zuhören
- Verstehen
- Reagieren
- Struktur halten
- Impulse kontrollieren („nicht dazwischenreden!“)
- und nebenbei nicht komplett gedanklich abschweifen
Klingt machbar. Ist es auch – für neurotypische Gehirne.
Für ADHS bedeutet das: zu viele Prozesse, zu wenig Filter.
Ergebnis: Du verlierst den Faden, hängst dich an Nebensätzen auf oder denkst plötzlich über deine Einkaufsliste nach, während dir jemand wichtige Infos gibt.
Der eingehende Anruf: Mini-Schock fürs Gehirn
Du bist gerade irgendwo drin – Gedanke, Aufgabe, Scroll-Loop, egal.
Dann klingelt es.
Und dein System macht:
„ALARM. KONTEXTWECHSEL. SOFORT.“
Das Problem ist nicht der Anruf.
Das Problem ist der brutale Wechsel ohne Vorwarnung.
Das fühlt sich schnell an wie:
- Überrumpelung
- Druck („ich muss jetzt funktionieren“)
- Reizüberflutung
Und ja – das kann sich wie eine Grenzüberschreitung anfühlen. Nicht rational, aber neurologisch ziemlich logisch.
„Warum bist du so genervt, wenn ich anrufe?“
Kurz gesagt: „Weil mein Gehirn gerade nicht bereit war.“
Die Gereiztheit resultiert oft aus:
- unterbrochener Konzentration
- fehlender Vorbereitungszeit
- dem Druck, sofort reagieren zu müssen
Das hat nichts mit der Person am anderen Ende zu tun.
Das ist ein Schutzmechanismus: „Zu viel Input. Bitte runterfahren.“
Der ausgehende Anruf: Endgegner mit Ansage
Selbst anrufen klingt simpel. Ist es aber nicht.
Vor dem Anruf passiert intern ungefähr das:
- „Was sag ich zuerst?“
- „Was, wenn ich was vergesse?“
- „Was, wenn es unangenehm wird?“
- „Was, wenn ich jetzt anrufe und es ist ein schlechter Moment?“
Plus: Du musst anfangen.
Und genau das ist bei ADHS oft der schwierigste Teil.
Ergebnis:
👉 Du schiebst es auf
👉 Du denkst weiter darüber nach
👉 Du machst alles – außer anrufen
Praxisbeispiele aus dem echten Leben
- Du gehst ans Telefon, hörst die ersten 30 Sekunden zu – und merkst plötzlich: Keine Ahnung, worum es gerade geht.
- Du wolltest nur „kurz anrufen“ und sitzt 20 Minuten vorher da, um dich mental vorzubereiten.
- Du siehst einen verpassten Anruf und brauchst Stunden, um zurückzurufen. Wenn überhaupt.
- Du gehst nicht ran, obwohl du Zeit hast – einfach weil dein Kopf „nein“ sagt.
Willkommen im Club.
Noch schlimmer machen es übrigens ungewollte Werbeanrufe.
Tipps für Menschen mit ADHS (die rangehen müssen)
1. Mini-Skript statt Chaos
Schreib dir 3 Stichpunkte auf. Mehr nicht. Das reicht, um den Faden zu halten.
2. Sag, was Sache ist
„Gib mir kurz eine Sekunde zum Nachdenken“ – völlig legitim.
3. Beweg dich beim Telefonieren
Rumgehen hilft, die innere Spannung abzubauen.
4. Rückruf ist erlaubt
Du musst nicht sofort funktionieren. Ein „Ich rufe gleich zurück“ ist kein Versagen.
5. Plane Telefonzeiten
Spontan = Stress. Geplant = deutlich entspannter.
Tipps für alle, die mit ADHS-Menschen telefonieren
1. Bitte keine Überfälle
Kurze Nachricht vorher: „Hast du kurz Zeit für einen Anruf?“ wirkt Wunder. Oder sorgt für ein ehrliches „nein“.
2. Komm auf den Punkt
Smalltalk ist nett. Struktur ist besser. Erst recht am Telefon.
3. Lass Denkpausen zu
Stille heißt nicht Desinteresse, sondern: Gehirn sortiert gerade.
4. Wichtige Infos? → Nachschicken
Nachrichten oder Stichpunkte helfen enorm.
5. Nicht persönlich nehmen
Kurze Antworten oder gereizter Ton = Überforderung, nicht Ablehnung.
Was wirklich hilft (für beide Seiten)
Telefonieren wird leichter, wenn der Druck raus ist.
Wenn klar ist: Es darf Pausen geben. Es darf Struktur geben. Und es darf auch mal nicht sofort gehen.
ADHS braucht keine Perfektion.
Es braucht Rahmenbedingungen, die funktionieren.
Fazit
Telefonieren ist für viele mit ADHS kein „mal eben machen“, sondern ein kleiner Drahtseilakt.
Zwischen Reiz, Reaktion und dem Versuch, nicht komplett den Faden zu verlieren.
Mit ein bisschen Verständnis – auf beiden Seiten – wird aus dem „RIIING = Panik“ irgendwann wieder einfach nur ein Gespräch.
Wenn du dich hier wiedererkennst:
Beobachte dich mal eine Woche lang bewusst beim Thema Telefonieren.
Wann gehst du nicht ran?
Wann schiebst du Anrufe auf?
Was würde dir konkret helfen?
Und wenn du magst: Schreib mir deine größte Telefon-Hürde.
Ich zeig dir, wie du genau die knackst – ohne dich komplett zu verbiegen.





