Wie Eltern sich richtig verhalten, wenn Kinder lügen

Welche Eltern kennen es nicht: Auf die Frage, wer die Süßigkeiten aufgegessen oder das Glas kaputt gemacht hat, kommt die Antwort „ich weiß es nicht“, kurz bevor eine weitere Beteuerung „ich wars nicht!“ folgt.

Holt man ein Kind aus dem Kindergarten ab oder empfängt es nach der Schule mit der Frage, wie es denn in der Einrichtung gewesen sei, spielt sich das immer gleiche Szenario ab: Kind weiß es nicht. Außer, Kind ist gut drauf, dann wird diese durchaus sehr komplizierte Frage mit einem kurzen und knappen „gut“, bei Pubertierenden eher „ok“ beantwortet.

Dass das Eltern und andere Betreuungspersonen fürchterlich nervt, ist klar. Aber gibt es vielleicht sogar eine Erklärung, warum der Nachwuchs so ist? Waren die Eltern früher, in ihrer eigenen Kindheit, ebenso?

Lügen gehört irgendwie dazu

Lügen ist eine unbeliebte Eigenart. Niemand wird gerne angelogen. Doch selbst lügt der Durchschnittsmensch auch sehr häufig. Ob es tatsächlich drei Mal während eines zehnminütigen Gesprächs ist, wie in diesem Artikel beschrieben, ist unwahrscheinlich. Aber häufig ist es dennoch.

Gründe zu lügen

Die Gründe für eine Lüge sind unterschiedlich. Sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen.

Bei Erwachsenen ist die wohl häufigste Lüge das „gut“ als Antwort auf die Frage nach dem aktuellen Befinden. Kinder hingegen sagen häufig nicht die Wahrheit, um einer Strafe zu entgehen.

Je kleiner ein Kind ist, desto lustiger kann die Situation für einen Außenstehenden (und sind wir mal ehrlich, auch für den Involvierten) aussehen:
Das von Kopf bis Fuß mit Schokolade vollgeschmierte Kleinkind wird gefragt, ob es die Schokocreme genascht habe. Inbrünstig und mit voller Überzeugung ruft es „nein!“ und möchte die Schokoladen-Ärmchen um den Fragenden legen.

Ein Grundschulkind wird die gleiche Frage vielleicht auch verneinen. Es wird aber wahrscheinlich darauf achten, dass die Spuren seiner Tat nicht mehr oder zumindest nicht derart offensichtlich zu erkennen sind.

Mein Kind lügt – wie reagiere ich am besten?

Wenn Eltern ihr Kind, unabhängig des Alters, bei einer Flunkerei erwischen, sind Vorwürfe und Diskussionen zwar nachvollziehbar, aber nicht sinnvoll. Bestrafungen bringen noch weniger. Denn wenn das Kind eine Strafe fürchten muss, wird es künftig noch häufiger lügen, um diesem Risiko zu entgehen.

Nicht immer einfach, aber am effektivsten: die Ursachenforschung. Hinter nahezu jeder Lüge, so klein sie auch sein mag, liegt meist eine Absicht.

Ein Leben ohne Lüge gibt es nicht. Auch, wenn sich viele Eltern zum Ziel setzen, dass in ihrer Erziehung absolute Ehrlichkeit herrscht. Die Bremer Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie Karin Hauffe-Bojé erklärt: „Das Spiel mit der Wahrheit gehört zur kindlichen Entwicklung“. Weiter informiert sie, dass Kinder unter vier Jahren, so etwa das schokoladenverschmierte Kleinkind, nicht in der Lage sind, zwischen Wahrheit und Lüge zu unterscheiden. In ihrer Welt ist es vollkommen normal, dass sie sich Geschichten ausdenken, imaginäre Freunde haben und in ihren Gedanken alles erleben können, wonach ihnen der Sinn steht. Das verschmierte Kind hat in seiner Welt die Schokolade offensichtlich nicht genascht.

Auch können kleine Kinder noch keine Konsequenzen abschätzen. Nimmt der Kleinkind dem großen Nachbarskind etwa das Spielzeug weg und wird daraufhin geschubst, so ist sich das Kleinkind seiner Tat nicht bewusst. Es weiß nur noch, dass das andere Kind es geschubst hat. Es lügt für den Betrachter. In seiner kindlichen Welt aber ist seine Geschichte wahr.

Bewusster Umgang mit der Wahrheit

Kinder können erst ab dem Vorschulalter bewusst mit der Wahrheit spielen. Eltern kennen solche Situationen wahrscheinlich zuhauf: Das 6-jährige Kind stibitzt sich ein Stückchen Schokolade, grinst Vater oder Mutter an und behauptet, mit dem schönsten Lächeln der Welt und einem klimpernden Augenaufschlag, sie hätten nichts getan.

Damit probiert sich das Kind aus. Die Lüge an sich ist nicht schlimm. Zumal sie am Verhalten des Kindes auch deutlich zu erkennen ist. Einen bösen Hintergedanken hat das Kind dabei ebenfalls nicht. Es probiert sich aus. Es sammelt Erfahrungen, was erlaubt ist und was nicht erlaubt ist.

Eltern sollten sich Gründe bewusst machen

Psychologen empfehlen Eltern daher, sich zu überlegen, aus welchem Grund ihr Kind gelogen haben könnte. Basiert die Übertreibung in der Geschichte auf einem geringen Selbstwertgefühl oder fühlt sich das Kind benachteiligt?

Nicht selten sind es sogar die Eltern, die die entsprechenden Motivationen und Verhaltensweisen unbewusst vorleben und sich dann wundern, wenn ihr Kind ihnen einen Spiegel vorhält.

Ein weiterer Grund – bei Kindern, die beabsichtigt lügen, wohl einer der häufigsten – ist die bereits erwähnte Angst vor Strafe. Wenn die Noten schlecht sind, das Lieblingsgeschirr kaputt gegangen ist oder das Fahrrad gestohlen wurde, weil das Kind vergessen hat es anzuschließen – die Situationen sind zahlreich und vielfältig.
Mit der Lüge wollen sie sich schützen. Eventuell vor Überreaktionen der Eltern, die sie bereits aus der Vergangenheit kennen oder weil ihnen in ihrem Kopf das Vergehen als sehr viel schlimmer erscheint als es tatsächlich ist.

Wie reagieren Eltern am besten auf einen kleinen Flunkerer?

Eltern tun gut daran, das Kind nach einer entdeckten Lüge darauf anzusprechen: „Warum hast du denn nicht die Wahrheit gesagt, als ich dich eben gefragt habe?“
Wenn das Kind dann Angst vor der Wahrheit oder vor den Konsequenzen erwähnt, sollten Eltern ihrem Nachwuchs die Sicherheit geben, dass es alles sagen und erzählen darf.

Wenn die Eltern hingegen aufbrausend und laut reagieren, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass das Kind sich eher nicht traut, in ungünstigen Situationen mit der Wahrheit rauszurücken.

Kinder, die die Wahrheit sagen, freuen sich sehr und merken sich das auch für das nächste Mal, wenn sie darin bestätigt werden; wenn sie gelobt werden, dass sie ehrlich waren; wenn ihnen gedankt wird, dass sie in dieser schwierigen Situation ihren Fehler eingestanden und zugegeben haben.

Das Lügen und seine Konsequenzen

Dennoch darf dem Kind durchaus vermittelt werden, dass Lügen ein Unding ist und zu Konsequenzen führt. So ist es vielleicht eine Konsequenz, dass das Kind, das nur vorgibt, sich bereits die Zähne geputzt zu haben, künftig nur noch im Beisein eines Elternteils Zähne putzen darf. Das Kind, das immer wieder mit Mitteilungen aus der Schule nach Hause kommt, weil es die Hausaufgaben vergessen hat, muss die erledigten Aufgaben den Eltern vorzeigen.

Kinder, die sich mit Lügen durchschummeln möchten, sollten eine stärkere Kontrolle erfahren. Sobald diese Konsequenz gut funktioniert, können die Restriktionen langsam gelockert werden. Das Kind braucht die Gewissheit, dass sich das elterliche Vertrauen erneut aufbauen lässt.

Wenn Kinder mit ihren Lügen andere Kinder in Schwierigkeiten bringen, etwa durch Verleumdungen oder Schuldzuweisungen, ist ein ernstes Gespräch erforderlich. Das Kind muss verstehen, dass ein solches Verhalten nicht geduldet wird. Dabei sind Eltern zu Hause, Trainer im Sportverein oder auch Lehrkräfte und Erzieher in den Bildungseinrichtungen gleichermaßen gefragt. Wo gelogen wird, ist unerheblich. Der betreuende Erwachsene zeigt dem Kind dessen Grenzen auf. Dazu gehört auch, dass sich das Kind bei dem zu Unrecht beschuldigten anderen Kind entschuldigt.

Wie gehst du damit um, wenn deine Kinder dich anlügen?

 

 

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